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Burnout: Anmerkungen zur Diagnostik

Unter Krankheiten leidet man nicht nur direkt, als unerwünschtes Feedback stören sie auch die eigenen Auffassungen über die Selbstgestaltung und den positiven Verlauf des eigenen Lebens.

Körperliche und psychomentale Symptome eines sich allmählich entwickelnden Burnouts werden als unerwartet und irritierend wahrgenommen. Sie weisen jedoch darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Fragen des inneren Therapeuten drängen sich auf: Was habe ich nur, was fehlt mir, was läuft nicht mehr, warum kann ich nicht mehr, habe ich nicht genug auf mich aufgepasst, was täte mir gut? Man fühlt sich irgendwie krank und wünscht möglichst rasche Abhilfe und Beschwerdefreiheit, man möchte wieder gut arbeiten und leben können.

Da bei einem beginnenden Burnout einfache Hilfsmittel wie Entspannen, mehr Schlaf, einfach mal runterschalten, Zusammenreißen oft nicht möglich sind, kann der innere Therapeut externe Hilfe suchen: Partner, Freunde, Ratgeber, Seminare, Mediziner, Psychologen. Betroffene sollten es sich dabei jedoch als Selbstermutigung klarmachen, dass sie selbst es sind, die ihre Befindlichkeit feststellen und Fragen stellen sowie Hilfe suchen.

Wer sein Problem, seine Erkrankung feststellt, der ist tendenziell schon auf dem Weg zur Heilung. Es kann und darf spätestens dann nicht mehr so weitergehen wie bisher. Eine Diagnose des drohenden Burnouts und eine Suche nach den Ursachen des Leidens sind auch Blicke in die Zukunft, eine Prognose über das, was werden könnte: was kann sein, was soll werden, und vor allem, wie könnte es gehen. Betroffene sind also nicht so hilflos, wie sie oft meinen. Und, oft verfügen Betroffene noch über ressourcenreiche Anteile (Bordmittel ihres inneren Therapeuten), die ihnen nicht bewusst sind und die unter Anleitung genutzt werden können.

Ein diagnostizierender Therapeut wird daher nicht nur die belastenden Anteile aufspüren, er wird sein Augenmerk ebenfalls auf Ressourcen und Interventionchancen legen, um die gemeinsame Hoffnung auf Wiedergewinnung und Erhaltung von Gesundheit insbesondere durch Hinlenkung auf patienteneigene Lösungsmöglichkeiten zu fördern. Therapeuten nutzen natürlich außerdem die selbstverständliche Neigung der meisten Patienten, sich durch fachliche Expertise helfen zu lassen und zusätzliche Optionen (Hinweise, Ratschläge usw.) anzunehmen.

Frei nach Lutz Rosenberg: Wege zu den Quellen der Lebendigkeit. Therapie als kreativer Prozess. Lehrbuch der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie. Luberg-Verlag ohne ISBN, Bremen 2009, Bd. I, S. 406f., 189

  

Burnout-Stop – Institut für Burnout-Prophylaxe bietet insbesondere Training, Coaching, Vorträge und Fortbildung zur Vorsorge und Prävention von Burnout durch Aufklärung, Ressourcenförderung und Work-Life-Balancing an. Unsere Angebote sollen zur Verhinderung von Burnout bei Gefährdeten beitragen bzw. eine Rückfallprophylaxe unterstützen. 

Unter Burnout verstehen wir einen schleichenden Prozess und insbesondere das Endstadium eines krankmachenden Prozesses (Zustand) von seelischer Erschöpfung insbesondere am Beruf. Begleitet wird das von negativen Einstellungen zur Tätigkeit, also zu den Inhalten, Mitteln, Partnern und Kunden und einem reduziertes Selbstwertgefühl in Bezug auf die eigene tätigkeitsbezogene Leistungsfähigkeit. Burnout meint Ausgebranntsein und bezeichnet einen besonderen Fall chronischer Erschöpfung, eine Erschöpfungsdepression bzw. ein chronisches Erschöpfungssyndrom.  

Das Burnout-Syndrom  entzieht sich bisher einer eineindeutigen Definition. Für Fengler  (2001, S. 95ff) ist Burnout nicht einmal ein Syndrom als klar definierte Krankheitseinheit mit einheitlichen Symptomen. Er versteht den Begriff nicht als Krankheitsbild sondern im Sinne einer beschreibenden Klammer von Befindlichkeiten und Leidenszuständen. Er weicht daher – wie fast alle anderen Experten - aus und zählt recht unsystematisch ca. 30 individuelle subjektive Erlebnisse und Merkmale auf wie z.B. Schlafstörungen, Widerwille zur Arbeit zu gehen, Zynismus, Rückzug auf starre Denk-, Erklärungs- und Verhaltensmuster, Schuldgefühle, Gleichgültigkeit.

Dieser schwierige Zugang zur Klassifizierung eines Krankheitsbildes Burnout durch Merkmalsauflistung und Erhebung von Befindlichkeiten wird auch dadurch unterstrichen, dass Ärzte und Therapeuten bei Burnout noch auf keine diagnostischen Labortests oder objektivierende Untersuchungen zurückgreifen können. Man behilft sich meist mit diversen Tests wie dem MBI und/oder arbeitet mit der Interpretation von Symptomschilderungen von Patienten und komplizierter Differentialdiagnostik (d. h. einem Verfahren, nach dem mögliche Ursachen Stück für Stück ausgeschlossen werden).

Vergl. hierzu auch die umfangreiche Untersuchung HTA 105 im Auftrag von DIMDI aus 2010:

http://www.dimdi.de/static/de/hta/aktuelles/news_0297.htm_319159480.htm

Modediagnose Burnout?

Angesichst eines Boom des Themas Burnout in den Medien auch unter dem abwertenden Stichwort "Modediagnose" und der Abgrenzung/Verwandtschaft zu Symptomen einer Depression gibt der anerkannte Experte Jörg Fengler in einem Leserbrief zu bedenken (Spiegel 7/2012, S. 8):

"Es ist zu wünschen, dass uns das noch unscharfe Konzept Burnout erhalten bleibt. Da es Menschen ermöglicht, im Frühstadium einer Gefährdung über ihre hohe Belastung zu sprechen, die kein individuelles Versagen darstellt. Mit einer Diagnose Depression geht das nicht."

Diesseits aller Debatten informiert das  neues Portal  "psyGA-transfer"  praxisorientiert rund um das  Themenfeld „psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“.

Behandlung

Eine Behandlung im Sinne von Therapie (*) kann und darf nur durch medizinisches Fachpersonal, das sind in der Regel Psychiater/Nervenärzte und Psychologische Psychotherapeuten erfolgen.

Lektüre von Ratgebern und Befolgung von Tips, Selbsthilfeprogramme, Coaching und Training können keine Therapie ersetzen. Ihre Funktion liegt in Aufmerksamkeitsschulung, Vorsorge und Unterstützung bei der Rückfallprophylaxe z.B. nach dem salutogenetischen Ansatz. 

Hilfesuchende Betroffene sollten jedoch bei der Konsultation von medizinischem Fachpersonal beachten, dass Burnout trotz hohem Leidensdruck bei Betroffenen (bisher) noch kein anerkannter medizinischer Terminus im Sinne einer wohldefinierten Krankheit ist (**). 

Dadurch wird zwar einerseits eine vorschnelle Psychiatrisierung vermieden, die Betroffene möglicherweise zu stigmatisierten Patienten macht, andererseits sind Diagnostik, Therapie und Abrechnung von Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten im medizinischen System erschwert. Mediziner und Psychologen müssen daher für Diagnostik und Therapie von betroffenen Patienten u.a auf verwandte Klassifikationen aus dem DSM oder auf ICD-10 zurückgreifen.  

Diese Einzelheiten interessieren natürlich hilfesuchende Betroffene herzlich wenig, sie illustrieren jedoch eventuelle Schwierigkeiten bei der Suche nach kompetenten Therapeuten.

DSM-IV-TR

Das DSM-IV-TR (Stand 2007) ist ein (nicht unumstrittenes) nationales Klassifikationssystem für psychische Störungen.

Bezüglich Burnout-Therapie und Diagnostik kann z.B. zurückgegangen werden auf :  „296.82 Atypische Depression“, „ 300.40 Dysthymische Störung (oder depressive Neurose)“ sowie oft auch auf  „vegetative Dystonie“.

Burnout lässt sich weiterhin mit DSM-IV  „68.20 Probleme im Beruf“ oder „V 62.89 Probleme bestimmter Lebensphasen oder andere Lebensprobleme“ vergleichen. Bei diesen Klassifikationen handelt es sich jedoch um Phänomene, die nach dem Klassifikationssystem nur zu beobachten, jedoch nicht zu behandeln sind.  

ICD-10

Auch in der im deutschen Gesundheitssystem verbindlichen 10. Auflage der „Internationalen Klassifikation der Erkrankungen“ kurz ICD-10 (GM 2009)  – wird Burnout nicht als eigenständige Krankheit beschrieben (siehe DIMDI , Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information).   

Burnout erscheint nicht unter der Rubrik "F" (psychiatrische Diagnosen) sondern unter "Z" im Kapitel XXI bei den „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen (Z 00-Z 99)“ sowie bei „Personen, die das Gesundheitswesen aus sonstigen Gründen in Anspruch nehmen (Z 70- Z 76)“ und wird mit dem Diagnoseschlüssel „Z 73  Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“, als „Ausgebranntsein [Burn out]“ bezeichnet. Es folgen unter dieser Nummer u. a. „Einschränkung von Aktivitäten durch Behinderung, Körperliche oder psychische Belastung, Mangel an Entspannung oder Freizeit, Sozialer Rollenkonflikt, anderenorts nicht klassifiziert, Stress, anderenorts nicht klassifiziert, Unzulängliche soziale Fähigkeiten, anderenorts nicht klassifiziert, Zustand der totalen Erschöpfung“

Erschöpfungszustände

Die Verwendung der Begriffe Ausgebranntsein, seelische Erschöpfung, Erschöpfungsdepression, chronische Erschöpfung und chronisches Erschöpfungssyndrom im Zusammenhang mit Erläuterungen zu Burnout legen es weiterhin nahe, Burnout nicht nur als Befindlichkeitsstörung sondern als Krankheitsbild im Rahmen von Erschöpfungszuständen einzuordnen bzw. sogar an das „CFS – Chronisches Erschöpfungssyndrom“ zu denken. 

Nach Faust könnte die früher oft gebrauchte Verlegenheitsdiagnose einer sogenannten Erschöpfungsdepression in der neuen Gestalt  Burnout-Syndrom wiederkehren.

Nun klagen laut Gaab/Ehlert*** 2005 bis zu 20% der Bevölkerung über allgemeine, auch länger andauernde Erschöpfung. Oft bilden Belastungen in Beruf oder Familie den Hintergrund derartiger Erschöpfungszustände; vergeht jedoch der aktuelle Stress, dann verschwindet auch meist die Erschöpfung.

Als chronischer Zustand bildet sich jedoch Burnout in der Regel nicht zurück, weil neben Stress andere Faktoren erschwerend hinzukommen.

Auch das CFS (chronic fatique syndrome) gilt als komplexe, chronische, sehr starke, insbesondere körperliche Erschöpfung, die Patienten z.B. ähnlich dem Empfinden einer permanenten Grippe beschreiben. Körperliche und psycho-soziale Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen, oft gehen eine Infektion oder eine hohe Stressbelastung voraus. Gaab/Ehlert 2005, S. 11 gehen von einer Häufigkeit von ca. 0,5 % der Gesamtbevölkerung bei CFS aus, wobei Frauen überwiegen. 

CFS nimmt Symptombeschreibungen der Neurasthenie auf und variiert sie als „Krankheit der modernen Zeit“. Die Ursachen chronischer Erschöpfungszustände bleiben jedoch undeutlich, die Abgrenzung zur Alltagserschöpfung bzw. zu allgemeinen Erschöpfungszuständen, zur Erschöpfungsdepression oder zu Burnout ist erschwert. Man nimmt an, dass das Zusammenwirken von Immun-, Nerven- und Hormonsystem gestört ist. Die Behandlung gestaltet sich als schwierig – auch wegen unklarer Zuständigkeit einzelner Fachgruppen. Ähnlich der Burnout-Therapie existieren noch keine diagnostischen Labortests oder objektivierende Untersuchungen. Ärzte und Psychotherapeuten arbeiten hauptsächlich mit Befunden aus Symptompräsentation und komplizierter Differentialdiagnostik (Ausschlussverfahren). Auch das CFS lässt sich nicht eineindeutig in DSM und ICD einordnen (siehe unter „Sonstige Krankheiten des Nervensystems“ als ICD-10 G 93.3 „Chronisches Müdigkeitssyndrom“). 

Anmerkungen

(*) Zum Thema Burnout-Behandlung informiert sehr anregend die  Sendung des Deutschlandfunks am 3. Mai 2011  innerhalb des  Programmschwerpunkts "Seelische Gesundheit". Als audio-on-demand  zum Thema "Depression und Burnout" nachzuhören unter:  "Wege aus dem Seelentief" ; am 10. Mai 2011 war Prävention seelischer Erkrankungen das Thema. Sehr eindrücklich auch die Sendung "Ständig unter Druck" in der "Lebenszeit " vom 25.11. 2011.

(**) Ein gewisser Wandel scheint sich anzubahnen. So kann nach  Auffassung des Landgerichts München I (AZ: 25 O 19798/03) das Burnout Syndrom durchaus zu einer Berufsunfähigkeit führen.

(***) Gaab, Jens, Ehlert, Ulrike 2005: Chronische Erschöpfung und Chronisches Erschöpfungssyndrom, Göttingen usw., Bd. 26 der Reihe: Fortschritte der Psychotherapie, 110 Seiten + Anlage für Diagnostik/Indikation und Therapieablauf

Bitte  Hinweis Gesundheitsthemen beachten.

Sie erreichen uns

unter 040 / 41620526  und   kontakt(at)burnout-stop.de

Burnout-Stop
Ilona Wilhelms, Dipl. Ing., Dipl. Psych.
Weidenallee 2 B  -  20357 H a m b u r g